Übersetzte Fassung des Artikels „The Very Last Harvest of the Year in Franconia“ von Ingo Deckler, erschienen im Wine Tourist Magazine, Ausgabe Dezember 2015
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Es ist 7:00 Uhr an einem Morgen im Dezember, kurz vor Tagesanbruch, im Pfaffenberg, einem Weinberg im Norden von Würzburg. Während die Stadt langsam erwacht, dämpft eine frische Schicht Schnee die gewohnten Geräusche. Die Reben sind mit kleinen Kristallen überzuckert und es ist kalt, sehr kalt. Die Temperatur fiel in dieser Nacht auf unter -10 ° C. Es ist eine romantische Szenerie, aber die unerschütterliche Gruppe, die sich an diesem Morgen hier versammelt hat, interessiert sich weder für den fantastischen Blick auf die Stadt, noch für die wunderschöne Winterlandschaft.

Lassen Sie uns für eine Minute den Standort wechseln, zu einem anderen Weinberg, am anderen Ende der Stadt. Die Wetterbedingungen sind nahezu identisch, dort über dem kleinen Ort Randersacker im Süden von Würzburg. Der Main fließt gemächlich wie ein großes dunkles Band durch das Tal in Richtung der Stadt. Eine andere tapfere Gruppe versammelt sich in der Dunkelheit. Sie sind mit warmen Mützen geschützt und mit Eimer und Schere bewaffnet.
Die Trupps in beiden Weinbergen haben die gleiche Mission: die letzte Ernte des Jahres einzufahren. Sie können mir glauben, es ist ein schwieriges Unterfangen, diese exklusive Spezialität, den Eiswein, zu produzieren.

ALLES ODER NICHTS!
Die Herstellung von Eiswein ist heutzutage ein wahres Glücksspiel, denn wegen der allgemeinen Klimaerwärmung werden die notwendigen Bedingungen immer seltener. Die Trauben können nur geerntet werden, wenn die Temperaturen unter -7 ° C sinken. Wegen des hohen Risikos entschließen sich jedes Jahr nur eine handvoll fränkischer Winzer dieses Wagnis einzugehen. Die beiden, die wir hier begleiten, sind Christian Reiss, Chef des Weingut Reiss in Würzburg und Thomas Schenk, Juniorchef beim Weingut Schenk in Randersacker.

Die unangenehmen Arbeitsbedingungen in der kalten Dunkelheit der steilen Weinberge, ist nur eine der Schwierigkeiten, die es zu meistern gilt. Denn natürlich wird ausschließlich von Hand gelesen. Die zweite Herausforderung ist es, die Lese und den Transport der Trauben in die Kelterhalle so schnell wie möglich abzuwickeln. Die Trauben werden gefroren geerntet und müssen die Weinpresse sehen, bevor sie auftauen. Auf diese Weise kann das gefrorene Wasser abgetrennt und nur die Essenz der Trauben extrahiert werden, um so einen sehr süßen Most zu gewinnen, der dann behutsam in die exklusive, süße Delikatesse namens Eiswein verwandelt wird.
Im Gegensatz zu anderen Süßweinen, wie der französische Sauternes oder die deutsche Trockenbeerenauslese, deren Süße durch die Edelfäule (Botrytis) gefördert wird, müssen die Trauben für den Eiswein absolut gesund sein. Botrytis ist eine Pilzinfektion, die vorwiegend unter feuchten und nebligen Bedingungen in der Nähe eines Flusses gedeiht. Für Eiswein ist es also notwendig, einen Weinberg auszuwählen, der vom üblichen Morgennebel der Main-Region geschützt ist.
Was diese Spezialität aber auch so wertvoll macht ist nicht nur das Risiko des Totalverlusts, wenn die benötigten Bedingungen nicht erreicht werden, sondern auch der kleine Ertrag bei der Ernte. Während der durchschnittliche Ertrag für eine übliche Ernte bei ungefähr 7.500 Litern oder 10.000 Flaschen pro Hektar liegt, erbringt die Eiswein-Ernte nur rund ein Fünftel dieses Volumens. Um das ein bisschen auszugleichen, wird er in der Regel in kleineren Flaschen zu 0,375 Liter gefüllt. Nein, das ist nur ein Scherz. Der Grund für die kleinere Flasche ist, dass man ihn in der Regel in kleineren Mengen genießt als gewöhnlichen Wein.
Sie sehen also, der Winzer braucht gehörigen Mut, einige seiner besten und gesündesten Trauben einem Glücksspiel zu widmen, ohne zu wissen, ob es sich auszahlen wird. Aber wenn er dieses Spiel gewinnt, dann kann er einen um ein Vielfaches höheren Preis dafür einfahren als für alle seine anderen Weine. Und das ist kein Scherz.
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WIE, WO, WAS?

Wir sprechen hier über Franken, eine der dreizehn deutschen Weinbauregionen, und wenn wir über Franken sprechen, dann sprechen wir über Silvaner, die Leitrebsorte der Region. Fränkische Weine sind in der Regel knochentrocken, aber die seltenen Exemplare des Eisweins sind selbstverständlich sehr süß. Wir sprechen hier über Restzucker-Werte im Bereich von 250 g/L und darüber, aber was den Eiswein aus Franken auszeichnet, ist die charakteristische Säure. Diese hilft, die hohe Süße zu puffern, was einen Wein ergibt, der nicht zu opulent erscheint, sondern seinen Reichtum mit Finesse ausbalanciert.
Im Glas erscheint Eiswein in der Regel golden in der Farbe, mit einer fast öligen Viskosität. Seine Aromen erinnern an Quitte, Honig, Pfirsich, Zitrusfrüchte und viele andere. Mit seiner Süße und dem eleganten Körper ist er der perfekte Begleiter für süße Desserts. Man könnte denken, dass dies die Süße noch verstärkt, aber genau das Gegenteil ist der Fall. Die Reichhaltigkeit des Desserts wird durch die Süße des Weins abgepuffert und umgekehrt. Ebenso ist ein Blauschimmelkäse ein guter Partner zu Eiswein.
Ein weiterer Vorteil der hohen Süße des Eisweins ist, dass man ihn beinahe für ewig lagern kann. Der Zucker konserviert ihn und mit zunehmender Reife entwickelt er neue, interessante Aromen. Sie können also in Erwägung ziehen, eine Flasche Eiswein für Ihre Kinder oder Enkel beiseite zu legen.
ALSO: WER SIND NUN DIESE MUTIGEN WINZER?

Der Pfaffenberg ist eine der Top-Lagen des Weingut Reiss. Das familiengeführte Weingut liegt in Würzburg, im Herzen der deutschen Weinbauregion Franken. Die Familie Reiss kultiviert etwa seit 1800 Reben in und um Würzburg. Der Schwerpunkt liegt auf den typisch fränkischen Sorten Silvaner und Müller-Thurgau außerdem werden Riesling und Burgundersorten angebaut.
Weingut Reiss
Unterdürrbacher Str. 182
97080 Würzburg
www.weingut-reiss.com
Der Eiswein vom Weingut Schenk stammt von einem kleinen Weinberg, der ‚Tiefe Klinge‘ genannt wird und Teil der Großlage ‚Ewig Leben‘ ist. Sind das nicht reizende Namen? Das Weingut Schenk ist ein Familienbetrieb und befindet sich in Randersacker, einem Premium-Weinort am Main, nur wenige Kilometer von Würzburg entfernt. Otto Schenk und sein Sohn Thomas sind in neunter und zehnter Generation Winzer. Die wichtigsten Sorten sind natürlich zum Einen die Flaggschiff Sorte Frankens, der Silvaner, sowie Riesling, Müller-Thurgau und die deutsche Antwort auf den Sauvignon Blanc, die Scheurebe. Mit Spätburgunder (Pinot Noir) und der fränkischen Domina, kommen auch einige große Rotweine aus diesem Keller.
Weingut Schenk
Ochsenfurter Str. 21
97236 Randersacker
www.weingut-schenk.de
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