Oregon: Unterwegs im Columbia Gorge

Nach Portland im US-Bundesstaat Oregon zieht es viele des Nachtlebens wegen, die entweder ihre Chance im Glücksspiel wittern oder gerne in einem kreativen Avantgarde-Wunderland ausgehen. Diejenigen, die wegen des Weins kommen wenden sich typischerweise in Richtung Südwesten in das Willamette Valley, das Zentrum von herausragenden, filigranen Pinot Noirs und kantigen, mineralischen Chardonnays. Seit geraumer Zeit zieht es aber auch immer mehr Wein-Touristen in die 50 Meilen weiter östlich gelegene, relativ neue AVA Columbia Gorge.

Malerische Landschaft im Columbia Gorge, dem Tal des Columbia River.
Malerische Landschaft im Columbia Gorge, dem Tal des Columbia River.

American Viticultural Area (AVA) ist die geografische Herkunftsbezeichnung im US-amerikanischen Weinbau. Columbia Gorge gehört zu den Pacific Northwest AVAs und liegt in den Bundesstaaten Oregon und Washington entlang des Columbia River.

Ich fahre durch eine enge Lücke, zwischen dem Farmhaus und einer freistehende Garage auf dem Kiesweg zu AniChe Cellars. Als ich aus meinem Auto steige, Kamera geschultert, kommt auch schon Rachael aus dem Keller, um mich zu begrüßen. Vorbei am Hühner- und Putenstall, durch die Pinien und die steile Kies-Böschung herunter, kommt sie mir mit ausgestreckter Hand entgegen, um mich herzlich willkommen zu heißen. Rachael strahlt pure Authentizität aus, genauso wie das Weingut und das Anwesen, das sie gegründet hat und nun als Winemaker leitet. Hier ist nichts gekünstelt. Kurze Zeit später gesellt sich auch Anaïs, Rachaels Tochter zu uns. Anaïs ist Winzerin und Geschäftsführerin des Weinguts. Als wir später gemeinsam um die Verkostungstheke stehen, die während der Ernte in einem staubigen, rotbraunen Zelt ausgelagert ist, erzählt mir das Mutter-Tochter Duo freudig ihre Geschichte und ihre Motivation, die sie antreibt. Rachael hat lange in feinen Restaurants gearbeitet, einschließlich des hiesigen Columbia Gorge Hotels. Eines Abends beeindruckte Rachael einen Gast mit einer vorzüglichen Weinempfehlung, einem Marsanne, zu seinem Kaninchen. Sicher war er auch von ihrer Ausstrahlung und Leidenschaft begeistert. Der Gast meinte jedenfalls „Sie sollte doch Wein machen!”. Und so kam es dann auch.

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AniChe Cellars, das Mutter-Tochter Weingut.
AniChe Cellars, das Mutter-Tochter Weingut.

AniChe Cellars versucht Weine zu schaffen, die mit den Speisen harmonieren. „Wein gehört in die Welt der Kulinarik. Ich möchte Weine die am Gaumen tanzen.“ sagt Rachael überzeugt. Da Walla Walla und Red Mountain nur wenige Stunden entfernt sind, braucht die Region nicht noch mehr breitschultrige Ungetüme. (Die beiden AVA sind für ihre kraftvollen, fruchtigen und tanninstarken Rotweine bekannt). Rachael und Ani streben nach Frische, Leichtigkeit und moderatem Alkohol. Sie erreichen ihren Stil indem sie bei der Lese vorrangig auf die Säurestruktur achten. Der Zuckergehalt spielt für sie bei der Bestimmung des Lesezeitpunkts eine untergeordnete Rolle. Sie folgen auch einer Tradition aus der Alten Welt, der des Verschneidens verschiedener Rebsorten. „Blends (Cuvées) sind das Geheimnis von Balance und Harmonie.“ Ihre Rotweine zeigen diese Leidenschaft. Im echten Stil der Neuen Welt, kreieren sie mutig Cuvées im Bordeaux-, Rhône- und Piemont-Stil, die sich aber keineswegs hinter diesen verstecken müssen. Man spürt einen sanften, runden Auftakt gepaart mit harmonischen Tanninen, die im Hintergrund Kraft geben. Die sorgfältig kontrollierte Gärung – langsam und bei niedriger Temperatur – in Verbindung mit der „free-run juice only“ Methode (aka: Spontangärung), prägen diesen Stil. Das Ergebnis? Faszinierend! Das ist auch der Grund, weshalb sie die meisten ihrer 4200 Kisten jedes Jahr direkt an den Endkunden vertreiben. Sie hoffen, das bald zu 100% zu machen. „Und wir werden nie über 5000 Kisten gehen. Wir kennen unsere Grenzen. Wir wollen ein handwerkliches Weingut bleiben, das auf Qualität baut.“ Ich kann nur empfehlen diese Handwerkskunst einmal selbst zu probieren.

Während ich den Underwood Mountain hinunter kurve, auf dem Weg zu den 13 Meilen östlich gelegenen Syncline Cellars, bin ich von der üppigen Natur und der ökologischen Vielfalt überwältigt. Mount Hood über dem Hood River rückt ins Blickfeld. Die Columbia Gorge AVA erstreckt sich entlang des Columbia River und liegt somit in den beiden Staaten Oregon und Washington. Von West nach Ost gibt es drastische Temperaturunterschiede, da das Klima zwischen dem, des Berg-Regenwaldes im Westen und dem, der wüstenartigen Beifuß-Steppe im Osten variiert. Während der Vegetationsperiode kann es zu Temperaturunterschieden von 10 Grad  innerhalb eines vierzig-Meilen Abschnitts kommen. Die jährliche Niederschlagsmenge fällt etwa um einen Zoll (2,54 cm) je Meile, die man weiter Richtung Osten fährt. Die Höhe hat hier auch einen entscheidenden Einfluss. Einige Weinberge in den White Salmon und Hood River Tälern liegen bis auf 1800 Fuß (etwa 550 Meter). Dieses Weinbau-Mosaik mit seiner Sortenvielfalt ist reif für eine Erkundung. Man findet hier Pinot Noir und Gewürztraminer sowie Zinfandel und Merlot. Während dieses Angebot die Neugier der Kunden weckt, sorgt die Qualität letztlich dafür, sie zu überzeugen.

Überraschende Vielfalt. Grüner Veltliner im Nordwesten der Vereinigten Staaten.
Überraschende Vielfalt. Grüner Veltliner im Nordwesten der Vereinigten Staaten.

Meine nächste Station, Syncline Cellars, hat die Aufmerksamkeit der Gourmets von Ost- und Westküste gleichermaßen erregt, nämlich die der New York Times und der Big Publication Kritiker. Trotz dieser hohen Anerkennung findet man einen bescheidenen, einladenden Betrieb und angemessene Weinpreise (wie übrigens fast überall im Columbia Tal). James Mantone, Gründer und Winzer, konzentriert sich auf Rhône Rebsorten, obwohl er sein Augenmerk auch auf andere Sorten, wie Grüner Veltliner und Pinot Noir, richtet. Syncline betört mich mit einem ausgeprägt fruchtigen Geschmack und mit einer perfekten Balance in all ihren Weinen. James verwendet für den Ausbau ausschließlich Betongebinde und neutrale Eiche, so dass die Fruchtnoten für sich stehen. Einer meiner Favoriten ist das Flaggschiff Subduction Red, ein Cuvée aus Syrah, Mourvèdre, Carignan, Counoise, Grenache und Cinsault. Florale Aromen vermischen sich mit saftigen, roten Früchten einschließlich Kirsche und Wassermelone – ein geschmeidiger Wein, der die Kunden begeistern wird. Es lohnt sich auch die sortenreinen Abfüllungen der Rhône Rebsorten Counoise, Mourvèdre und Cinsault zu versuchen, denn es ist ein relativ seltenes Vergnügen, diese einzeln zu verkosten und ihren jeweiligen Beitrag zu den bekannten Cuvées von der Rhône zu erforschen. Ein Spitzenwein von Syncline heißt Elena und ist ein grandioser GSM Blend des Weinguts (GSM: Grenache, Syrah, Mourvèdre). Es ist aber nicht ganz einfach an ein Exemplar des Weins zu kommen, da er in der Regel für Stammkunden reserviert ist.

Wenn man Columbia Gorge in nur einem Tag erkunden möchte, dann empfehle ich den Ausflug bei Analemma Wines abzurunden. Das Weingut liegt auf der gegenüberliegenden Seite des Columbia River in Nähe von Mosier, Oregon. Die beeindruckenden internationalen Lebensläufe von Steven Thompson und Kris Fade haben sie schließlich ins Columbia Gorge geführt, wo sie sich auf brillante Gewürztraminer und Pinot Noir konzentrieren. Ein neuer Weinberg unter ihrem Management wird weitere Sorten bringen, aber sie könnten von mir aus gerne bei Gewürztraminer und Pinot Noir bleiben. Bei einer Verkostung ihrer beiden Gewürztraminer kann man den jeweiligen Einfluss der zwei verschiedenen Weinlagen erleben. Beide bieten eine frische, lebendige Säure und herrliche Aromen. die an Kernfrüchte, Zitrone und Blütennoten erinnern. Analemma ist relativ neu in der Szene, aber dank dem einzigartigen Terroir ihrer Weinberge, gepaart mit ihrem Erfahrungsschatz, haben sie beste Voraussetzungen, um von sich Reden zu machen.

Wetter, Klima, Terroir. Garant für finessenreiche Weine.
Wetter, Klima, Terroir. Garant für finessenreiche Weine.

Am besten startet man in den Tag in Columbia Gorge, mit einem Frühstück im Egg River Café in Hood River und beschließt ihn mit einem Abendessen im historischen Columbia Gorge Hotel, wo man auch hervorragend nächtigt. Dort lädt zudem ein wunderschönes Spa zur Erholung ein. Die Schlucht lockt Outdoor Enthusiasten aus der ganzen Welt, vor allem Mountainbiker, Wind- und Kite-Surfer sowie Wanderer. Es gibt zahlreiche Sportgeschäfte und Guides. Eine Halbtagestour zur Timberline Lodge auf dem Mount Hood, die aufwendig vom CCC erbaut wurde (Civilian Conservation Corps: ehem. Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für junge Jugendliche), lohnt sich sowohl wegen ihrer einzigartigen Gebirgsarchitektur, als auch wegen des dortigen Chefkochs, Jason Stoller Smith, der die Gaumen der Gäste verwöhnt. 

Columbia Gorge verdient Ihre Aufmerksamkeit. Eine weniger bekannte Perle am Saum der Rose City (Portland), die viel zu oft von den funkelnden Diamanten im Willamette Valley überstrahlt wird. Dank der jüngsten Presse von bedeutenden nationalen Publikationen, wird die Schlucht in den kommenden Jahren noch mehr Wein-Touristen anziehen. Noch können Sie auf der ersten Welle mitreiten – es wird sicher eine unvergessliche Reise.


Übersetzte Fassung des Artikels „The Gorge“ von Matthew Wieland, erschienen im Wine Tourist Magazine, Ausgabe Januar 2016.

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