Weinselige Hauptstadt | Wien | Österreich

Übersetzte Fassung des Artikels „Wine in the City | Vienna“ von Chris Boiling, erschienen im Wine Tourist Magazine, Ausgabe August 2016

Anfang des Jahres hat die amerikanische Reisebranche bei den Travvy Awards Österreich zur besten Destination für Weintourismus in Europa gewählt. Obwohl der Weinautor Chris Boiling noch denkt, dass Slowenien führt, räumt er aber ein, dass Österreichs Hauptstadt, die beste Weinstadt ist, die er bisher besucht hat.

Wiener Weingärten bei Nacht
Wiener Weingärten bei Nacht

Oh, Wien!

Am bekanntesten ist Wien vielleicht für die klassische Musik, Walzer, Paläste, Kaffeehäuser, tanzende weiße Pferde, den Prater und vielleicht für den Pop-Song von Ultravox mit dem gleichen Titel. Wien beansprucht aber auch Ruhm für etwas anderes – es ist nämlich die einzige Hauptstadt, die auch ein Weinanbaugebiet ist. Und es ist keine gewöhnliche Weinregion. Die Stadt selbst besitzt ein Weingut und Weinberge. Viele der Weingärten und historischen Weinstuben sind gut mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen und Wien hat sein eigenes, ganz besonderes Cuvée.

Weingut Wieninger - Weinberge über der Stadt
Weingut Wieninger – Weinberge über der Stadt

Der Gemischte Satz ist der traditionelle Wiener Wein, der vor allem in den letzten zehn Jahren neue Höhen an Qualität und Wertschätzung erzielt hat. Die Mischung findet allerdings im Weinberg und nicht im Keller statt. In den Weinbergen, die die Stadt überblicken, wachsen bis zu 20 weiße Rebsorten nebeneinander, wobei fünf bis sieben die Regel sind und drei das Minimum. Typischerweise machen Weißburgunder, Grüner Veltliner und Welschriesling die Masse aus, Riesling bringt die Säure und Sorten wie Traminer und Gelber Muskateller die Aromen. Alle Sorten werden unabhängig von ihrer individuellen Reife gleichzeitig geerntet, gepresst, vergoren und gemeinsam gereift. Es wird meist ein unkomplizierter, sauberer, frischer, vielschichtiger Wein mit einem ganzen Obstkorb an Aromen, die von einem Erzeuger zum anderen und von einem Jahr zum nächsten variieren.

Gemischt bestockte Weinberge waren in ganz Mitteleuropa über Jahrhunderte typisch, als Absicherung der Weinbauern gegen einen Totalausfall der Ernte durch Frost oder Regen zur Blütezeit, oder verschiedene Schädlinge und Krankheiten. Während diese Praxis in vielen Teilen der Welt in Vergessenheit geraten ist, erfährt sie in Wien eine Renaissance, so dass nun auch die Slow Food Stiftung mit ihrer „Arche des Geschmacks“, diese biologische Vielfalt fördert. Und im Jahre 2013 wurde der Wiener Gemischte Satz zur geschützten Herkunftsbezeichnung und erhielt seine eigene DAC (Districtus Austriae Controllatus).

Die führenden Produzenten sind Rainer Christ, Michael Edlmoser, Fritz Wieninger, Richard Zahel, Weingut Cobenzl und Mayer am Pfarrplatz. Zusammen besitzen sie etwa 45% der 612 Hektar der Wiener Weingärten, von denen etwa 25%  dem Gemischten Satz gewidmet sind. Sie erzeugen auch Wein aus Österreichs Leitrebsorte Grüner Veltliner sowie aus internationalen Sorten wie Riesling, Chardonnay, Weißburgunder und Pinot Noir (in Österreich: Blauburgunder), und erheben mit manchen, kurios anmutenden Methoden ihren Anspruch auf Ruhm. Rainer Christ erntet einen Weißburgunder im Licht des Vollmondes – Fritz Wieninger ist in die Fußstapfen seiner Mutter getreten, einer der ersten weiblichen Winzerabsolventen aus Europas ältester Weinbauschule Klosterneuburg Michael Edlmoser, dessen Familie seit dem Jahr 1347 Weinbau betreibt, ging nach Kalifornien, um seine Erfahrungen in der Weinbereitung zu erweitern – das Weingut Cobenzl ist seit 1907 im Besitz der Stadt – und Beethoven komponierte seine 9. Sinfonie in den Räumlichkeiten von Mayer am Pfarrplatz, dem größten Produzent der Region.

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Paul Kiefer, der bei Mayer am Pfarrplatz verantwortlich für den Vertrieb ist , erklärt die Vorteile eines gemischten Weingartens auf diese Weise:

Blick auf den Cobenzl
Blick auf den Cobenzl

Das schöne daran ist, dass man den Säuregehalt des Riesling bekommt, die Würze des Grünen Veltliner und die Aromen von Traminer oder Muskateller. Wenn sie zusammen vergoren werden erhält der Wein einen ganz anderen Charakter als bei einem gewöhnlichen Verschnitt, denn wenn man eine Cuvée mit 5-7% Traminer erstellt, ist der Traminer viel lauter und der Wein schmeckt meist ein wenig parfümiert, wenn man aber die Trauben gemeinsam vergärt erhält man einen viel komplexeren Stil.

Ursprünglich war der Wein sehr einfach und wurde direkt aus Zapfhähnen in den Weinstuben (Heurigen) der österreichischen Hauptstadt ausgeschenkt. Aber im letzten Jahrzehnt hat er sich zum wahren Botschafter des Terroirs der Stadt entwickelt, von wo die komplexesten, eleganten und tief mineralischen Exemplare aus besonderen Weinbergen kommen, mit, in einigen Fällen, bis zu 70 Jahre alten Reben und natürlichen Hefen. Weine die ihre Reifung in Edelstahltanks oder großen Eichenfässern erfahren, nie in neuen Barriques, die zu intensive Eiche Aromen zur Folge hätten. Der Gemischte Satz wurde damit zur Wiener Leitsorte, wodurch er es von den Heurigen der Außenbezirke in die noblen Restaurants im Stadtzentrum geschafft hat, wo er einst als ‚billige Plörre‘ abgetan wurde.

Meiner Meinung nach sind die gemütlichen, rustikalen Heurigen noch immer die besten Orte, um den Gemischten Satz zu genießen. Die meisten der mehr als 300 Wiener Winzer betreiben auch ihren eigenen Heurigen Ausschank, wo sie den jungen Wein (Heuriger) zu einfachen, herzhaften Gerichten wie Wiener Schnitzel, Sauerkraut oder Knödel servieren. Das ergibt meist eine ausgezeichnete Paarung. Ob ein Heurigen geöffnet ist kann man am „Föhrenbuschen“ erkennen, der meist über dem Eingang hängt, dann heißt es „Ausg’steckt is“.

Bis ins späte Mittelalter gab es Weingärten mitten im Zentrum von Wien, im heutigen Ersten Bezirk. Die Weinberge liegen heute in einem grünen Gürtel um die Stadt verteilt, die Besten im 18., 19., 21. und 23. Bezirk. Orte mit Heurigen sind Heiligenstadt, Sievering, Grinzing, Nußdorf, Stammersdorf, Strebersdorf, Jedlersdorf, Mauer und Bisamberg.

Wiener Heurigen
Wiener Heurigen

Viele der Heurigen von bekannten Erzeugern und deren Weingüter liegen an ausgeschilderten Wanderwegen mit Ausgangspunkten, die vom Stadtzentrum mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen sind (oft eine Kombination von U-Bahn, Straßenbahn und Bus).

Ich folgte zwei Tage lang dem Weinpfad. Am ersten Tag nahm ich die Straßenbahn Linie D nach Nußdorf im 19. Wiener Bezirk, an der Grenze des Wienerwaldes, ging über den Eichelhofweg durch die Weinberge und spann dann meinen Weg zurück nach Grinzing, einem hübschen Dorf das geradezu von Heurigen platzt. Bei Zum Guten Grinzing (Himmelstraße 7) traf ich den Winzer und Geiger Peter Uhler, der Aufnahmen seiner eigenen Schrammelmusik (ein typisch Wiener Volksmusik-Stil) in den gärenden Most „pumpt“, um die Hefe zu stimulieren. Sein Sonorer Wiener Gemischter Satz war ganz im Einklang mit meinem Gaumen.

Am nächsten Tag habe ich die U-Bahn (U4) nach Heiligenstadt genommen und bin mit dem Bus 38A zum Weingut Cobenzl. Beeindruckt über die tolle Aussicht auf die Stadt, probierte ich eine große Auswahl an Weinen aus dem städtischen Weingut und wanderte anschließend den Hügel hinunter nach Grinzing. Dort angekommen, besuchte ich den Heurigen von Mayer am Pfarrplatz in Heiligenstadt, in dem Haus, wo Ludwig van Beethoven im Jahre 1817 lebte, während er an seiner 9. Sinfonie arbeitete. 

Die Wanderwege sind auf der Website der Wiener Touristeninformation aufgeführt (www.vienna.info). Die Routen 1, 1a, 2 und 5 führen durch die großen Weinlagen, wie Nußberg, Kahlenberg und Bisamberg, wo archäologische Untersuchungen ergeben haben, dass hier bereits 750 vor Christi Reben kultiviert wurden.

Eine Alternative zur Wanderung ist der Hop-on, Hop-off Wiener Heurigen Express, der an der Straßenbahnhaltestelle in Nußdorf startet und über den Kahlenberg (für einen herrlichen Blick auf die Stadt) und Grinzing führt. Abfahrt ist in der Saisson von April bis Ende Oktober stündlich von 12.00 Uhr bis 18.00 Uhr.

Wie auch immer man zu den Weinbergen nördlich des Stadtzentrums kommt, wenn Sie dort sind werden Sie die geografischen Besonderheiten erkennen, die Österreichs Hauptstadt für den Weinbau so geeignet machen. Die hügeligen 18. und 19. Bezirke werden von der Donau geteilt, die das Klima im Winter und im Sommer abmildert und zusätzliches Sonnenlicht auf die Reben reflektiert. Die unmittelbare Nähe der Stadt erhöht die Temperaturen während der Reifezeit, die nahe gelegenen Wälder dämpfen die Temperaturen während des heißen Sommers und die vorherrschenden Westwinde helfen die Fäulnis zu verhindern, so dass Erzeuger wie Rainer Christ und Fritz Wieninger biodynamisch arbeiten können.

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Wenn Sie die Wiener Roten probieren möchten, dann fahren Sie mit der Straßenbahn 60 Richtung Süden nach Mauer im 23. Bezirk, wo Michael Edlmoser einen beeindruckenden St. Laurent und eine Cuvée aus 80% Zweigelt und 20% Cabernet Sauvignon offeriert. Der Heurigen des Weingut Edlmoser datiert bis 1629 zurück und hat einen wunderschönen Garten (www.edlmoser.com).

Einer der anderen Gründe, warum ich glaube, dass Wien die beste Weinstadt ist: Sie müssen das Stadtzentrum nicht verlassen um fantastische Weinstätten zu erleben. Vier Stockwerke (16 Meter) unter den Straßen befindet sich der 500 Jahre alte Villon Weinkeller (www.villon.at), wo es Freitags und Samstags geführte Weinproben gibt.

Andere Keller, die einen Besuch wert sind, sind die am Palais Coburg– innerhalb von Ruinen aus dem 16. Jahrhundert erbaut, beherbergen sie eine der größten Sammlungen von seltenen Weinen – und die Gewölbe im Artner Restaurant am Franziskanerplatz, die ins Mittelalter zurückgehen. Dieser Weinkeller konzentriert sich auf die Weine aus der Region Carnuntum in Niederösterreich.

Wien hat auch eine lebhafte Weinbar-Szene und hervorragende Weinläden. Wieno, in der Lichtenfelsgasse in der Nähe der Universität und dem Rathaus, hat etwa 60 Weine von 18 Produzenten wie Wieninger, Zahel, Christ und Edlmoser, sowie von Newcomern und Raritäten zu bieten (www.wieno.info).

Die Wein & Co Weinläden, vor allem diejenigen in der Nähe des lebhaften Naschmarkt und des Doms, bieten auch eine große Auswahl an Weinen aus der Stadt und dem übrigen Österreich (www.weinco.at). Aber eines meiner Lieblingserlebnisse war das Glas Sturm (halb vergorenen Traubenmost) an einem Hotdog-Stand, bevor ich in die Wiener Staatsoper ging.


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Die beste Reisezeit

Obwohl in Wien seit 750 v. Chr. Wein gemacht wird, hat sich die Stadt erst in den letzten zehn Jahren zu einer Weinstadt gemausert, mit Veranstaltungen während der gesamten Vegetationszeit. Ab Mitte März hängen die Heurigen ihr grünes Tannengebüsch über die Türen und das „Ausg’steckt“-Schild raus um zu signalisieren, dass sie jetzt geöffnet haben. Darauf folgen organisierte Weinbergs-Wanderungen und verschiedene Weinproben, von denen die Wiener Winzertour im April die wichtigste ist. Der Wiener Weinpreis wird Ende Juni präsentiert, gefolgt von drei Tagen mit Weinverkostungen im Rathaus. Im September werden wieder die Routen durch die Weinberge für die Wiener Weinwandertage geöffnet. Es gibt zwei Routen, jede windet sich durch die Weinberge und bietet einen herrlichen Blick auf Wien und die Donau. Ende Oktober werden mit den Jungen Wiener die neuen Weine bei verschiedenen Veranstaltungen in der Hauptstadt präsentiert. Ausführliche Informationen über die Aktivitäten zum Thema Wein gibt es hier: www.wienerwein.at

Unterkünfte

Die beiden besten Orte für Weinliebhaber sind:

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Das trendige Hotel Rathaus – Wein & Design im 8. Bezirk. Jedes der 39 Zimmer widmet sich einem österreichischen Winzer. Beim Frühstücksbuffet findet man einen Käse der in Rotwein -Trester gereift ist. (www.hotel-rathaus-wien.at)

Das Fünf-Sterne Palais Coburg Residenz, mit sechs gut sortierte Kellern, die verschiedenen Themen und insgesamt 60.000 Flaschen Wein gewidmet sind. Eine davon stammt aus dem Jahr 1727. Es gibt hier auch 100 Jahrgänge von Château d’Yquem. (www.coburg.at)

Wenn Sie in Wien nur eines tun!

Probieren sie Fritz Wieningers Top Gemischten Satz, den Nußberg, Alte Reben (mit mindestens neun Rebsorten aus 50 Jahre alten Reben) im Heurigen der Familie, der von Fritz‘ Bruder Leo in Stammersdorf geführt wird. (Heuriger Wieninger, Stammersdorfer Straße 78, 1210 Wien. | +43 1 292 41 06)

Weitere Informationen

Weitere Informationen über Wien finden Sie auf der Wien-Tourismus-Website: www.vienna.info